Statistische Neuerfassung: Vom „Migrationshintergrund“ zu „Eingewanderte und ihre Nachkommen“

Die Erhebung des sogenannten „Migrationshintergrundes“ im Mikrozensus steht schon seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Gründen in der Kritik. Die Kategorie sei zu ungenau, bilde die Lebensrealität der Menschen nicht ab, sei stigmatisierend und erhebe nicht die tatsächlichen Migrationserfahrungen. Viele Personen, denen diese Kategorie zugeschrieben wird, sind nicht selbst zugewandert oder leben teils schon seit Generationen in Deutschland. Aufgrund der Empfehlung der Fachkommission Integrationsfähigkeit führt das Statistische Bundesamt bei der Erhebung des Zensus in Zukunft eine neue Kategorie ein: „Zugewanderte und ihre Nachkommen.“ Darunter fallen alle Personen, die selbst zugewandert und Personen, deren Eltern beide zugewandert sind. Der zentrale Unterschied zur bisherigen Kategorie des Migrationshintergrunds ist demnach, dass nicht mehr nach der Nationalität der Personen gefragt wird, sondern ob sie selbst migriert sind. Rückkehrer*innen, also Personen, die Deutschland verlassen haben und wieder zurückkommen, werden nicht mitgezählt. Ebenso fallen Personen, bei denen nur ein Elternteil eingewandert ist, nicht unter diese Kategorie. Begründet wird dies mit der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass Personen mit einem migrierten Elternteil ähnliche Erfahrungen machen, wie Personen mit zwei nicht-migrierten Elternteilen, zum Beispiel in Bezug auf die Unterstützung in der Schule. Die bisherige Kategorie des Migrationshintergrundes wird derzeit jedoch weiterhin erhoben, um Entwicklungen sichtbar machen zu können. Nach einer Testphase soll geprüft werden, ob beide Kategorien aufrecht erhalten bleiben.

Insgesamt ist die neue Kategorie klarer abgrenzbar, international vergleichbarer und wird im Mikrozensus mit 19 Fragen spezifiziert. Aber es stellt sich nach wie vor die Frage, ob die Kategorie Eingewanderte und ihre Nachkommen nun tatsächlich die Lebensrealität aller Personen umfassend darstellt. Sicherlich nicht, da die hier zusammengefasste Personengruppe ebenso sehr heterogen ist und unterschiedliche Ausgangssituationen sowie Lebensrealitäten erlebt. An dieser Stelle stößt man mit einer statistischen Kategorie aber auch an gewisse Grenzen. Ebenso kann die Kategorie „Deutsch“ nicht die Lebenssituation aller deutschen Personen umfassend erfassen und darstellen. Es geht aber auch vielmehr um die Frage, ob die Kategorie dabei helfen kann statistische Zusammenhänge besser darzustellen, zum Beispiel zwischen der Migrationserfahrung und dem Bildungserfolg. Auf diese Weise können strukturelle Diskriminierungsmechanismen sichtbar gemacht und Unterstützungsstrukturen aufgebaut werden. Es ist daher nicht zielführend anhand der Kategorie Rückschlüsse auf einzelne Personen zu ziehen, sondern das Ziel muss sein, Strukturen und Prozesse besser zu verstehen und so veränderbar zu machen. Auf diesem Weg ist die neue Kategorie ein Fortschritt. Sie ist eindeutiger und bezieht sich auf die Migrationserfahrungen der Personen. Eine Weiterentwicklung des Mikrozensus um beispielsweise die Frage nach Diskriminierungserfahrungen und die Selbstverortung der befragten Personen, wäre wünschenswert. 

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://mediendienst-integration.de/artikel/ciao-migrationshintergrund-1.html

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Publikationen/_publikationen-innen-migrationshintergrund.html

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