"Durch gute Infografiken lassen sich Aussagen schneller erfassen"

In den letzten Jahren hat die Verwendung von Infografiken zur Visualisierung von Daten und Zahlen stark zugenommen. So gibt es beispielsweise das „Katapult – Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft“, das Statistiken und Studien ausschließlich in Infografiken darstellt. Und auch der neue „Bildungsbericht Ruhr 2020", für den die Agentur Datenfreunde die Layouterstellung und die Umsetzungen der Infografiken übernommen hat, verwendet zahlreiche unterschiedliche Grafiken. Wir sprachen mit Marco Maas, Founder & CEO von Datenfreunde, darüber, was man bei der Erstellung von anschaulichen Infografiken beachten sollten und welche Herausforderungen es bei der umfangreichen Gestaltung des Bildungsberichts Ruhr 2020 gab.

Warum sind aus Ihrer Sicht Infografiken so beliebt?

Gute Grafiken ermöglichen einen schnellen Zugang zu einem Thema, weil sie sich auf Kernaspekte konzentrieren, verdichten und das Wesentliche hervorheben. Eine gute Infografik wirkt leicht bekömmlich, auch wenn sie ein komplexes Thema visualisiert - und meist stecken in den einfachsten Grafiken die allermeiste Denkarbeit.

 

Was war die Herausforderung/das Besondere an der Erstellung des Bildungsberichts Ruhr 2020?

Wir haben das Bildungsbericht-Projekt zum Glück schon recht früh begleiten dürfen und waren so früh dabei, inhaltlich die Gedanken der Autoren nachzuvollziehen und zu verstehen, welche Zahlen und Aspekte wichtig sind: Die schiere Menge an Datenpunkten zeigen die hohe Komplexität des Projekts. Unser komplettes Team musste innerhalb von kurzer Zeit zu "Junior-Bildungsexperten*innen" werden.

In den ersten Fassungen des Bildungsberichts waren Datenquellen und Darstellungsformen noch wild vermischt. Die erste große Aufgabe bestand darin, zunächst einmal einen Überblick über die verschiedenen notwendigen Darstellungsformen zu erlangen, die dann später vereinheitlicht über den kompletten Bericht genutzt werden sollten. Hier war es nötig, einheitliche Standards zu etablieren, beispielsweise welche Farbwelten nehmen wir, wie definieren wir Skalen, welche Art von Flächeneinfärbungen sollen welchen Eindruck erwecken. Das Ergebnis soll ja wie aus einem Guss wirken und Nutzer*innen sollen erlernte Metaphern auch unbewusst weiter nutzen können, wenn sie beispielsweise in ein anderes Kapitel springen.

Eine weitere Komplexität war die parallele Produktion für Print und Online, so dass wir hier mit Farben und Papiervarianten experimentieren mussten, um ein einheitliches Endprodukt abliefern zu können. Auch im Umfang und in der Aufbereitung unterscheiden sich Print- und Online-Version. Wir mussten gemeinsam mit RuhrFutur die Storylines definieren, die die verschiedenen Nutzer*innen sehen sollten. Der umfangreiche Print-Bericht lässt sich zwar auf der Website natürlich auch herunterladen, aber der Fokus liegt dabei auf den Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel.

Außerdem war während der Produktion der eigentliche Bericht noch nicht fertig. Inhaltlich feilten die Autor*innen an ihren Texten, Aussagen wurden geschärft, verworfen, umgestellt, so dass wir konstant parallel zum Entstehen des Inhalts Layout und Grafiken entwickeln mussten, um dann kurz vor der Veröffentlichung alle Stränge zusammenzuführen. Dabei galt es, die Arbeitspakete so zu takten, dass z. B. die Printproduktion mehrere Wochen vor dem Online-Start schon fertig sein musste, um den rechtzeitigen Druck gewährleisten zu können.

Am Ende steht jetzt ein wirklich umfangreiches und wie wir finden sehenswertes Ergebnis. Wir haben die Prozesse so aufgesetzt, dass künftige Iterationen (Wiederholung von ähnlichen Prozessen) zu einem großen Teil die bestehende Infrastruktur weiter nutzen können. 

 

Häufig sind Bildungsberichte immer noch sehr textlastig und lediglich durch einfache Grafiken wie Torten- oder Säulendiagrammen ergänzt. Warum und wozu benötigt man aus Ihrer Sicht gute und kreative Infografiken?

Wie wir im Laufe des Projekts lernen durften: Bildung und Bildungsberichte sind inhaltlich hochkomplex, die verschiedenen Akteure sind eng miteinander verzahnt und haben dabei eigene Interessen, eigene Erfolgskriterien und müssen an unterschiedlichste Institutionen berichten. Das Leitungsteam einer Behörde schaut mit einem anderen Blick auf Zahlen als die Leiterin einer Kita oder die Landrätin. Gleichzeitig müssen sich beispielweise Kommunen auf einen definierten Satz an Daten einigen, die künftig als "wahr" angenommen werden. Damit ein Bildungsbericht als ein nützliches Arbeitswerkzeug genutzt wird, sollte es für alle Beteiligten einfach möglich sein, die für sie wichtigen Daten und Informationen aus einem Bericht zu extrahieren. Das geht am besten, wenn die Zahlen und die Darstellungsform einmal vereinheitlicht sind. Eine einfache Tortengrafik oder ein Säulendiagramm aus Excel können hier helfen, aber in den allermeisten Fällen fehlt – unserer Erfahrung nach ­– dieser Blick "von oben".

Durch gute Infografiken lassen sich so Aussagen schneller erfassen als über einen Text. Oder auch: besser als über eine schlechte Infografik. Denn: Im Idealfall gibt es eine eindeutige Aussage in einer Grafik, der Text kann dann ergänzend helfen, die Aussage einzuordnen.

 

Wie kann es gelingen, auch komplexe Daten in einer Infografik angemessen darzustellen?

Die Entwicklung einer guten Infografik beginnt in den allermeisten Fällen mit einem Verständnis der Aussage, die getroffen werden soll. Darüber hinaus ist es beim Entstehen der Grafik hilfreich, möglichst viel über die Zielgruppe zu wissen: Sind die Leser*innen erfahren im Themengebiet? Welche Vorerfahrungen haben sie beispielsweise mit anderen Reports? Welche bisherigen Darstellungsformen sind erlernt und bekannt? Soll es einen Fokus auf eine Darstellungsform (Print/Online) geben? Ist das Ergebnis primär für die Außenwirkung gedacht oder soll es als Arbeitsgrundlage für interne Entwicklungen gelten. Welche Anforderungen an die Barrierefreiheit gibt es? Danach muss die Entscheidung fallen, ob es eine Visualisierung "von der Stange" (z. B. mit Excel, Tableau, Datawrapper o. ä.) sein kann oder es wie im Bildungsbericht sinnvoller ist, eine größere Produktion zu planen. Als generelle Empfehlung funktioniert es meist, pro Grafik eine Aussage anzustreben und nicht mehrere Interpretationsebenen zuzulassen.

 

Was macht eine gute Infografik aus?

Eine gute Infografik kann für sich selbst stehen. Animationen können hilfreich sein, sollten aber sparsam eingesetzt werden. Ich persönlich bin dazu immer noch auf der Suche nach einem "Wow"-Ansatz: Wie kann ich eine Aussage bebildern, die die meisten Rezipienten so noch nicht hatten und sie überrascht? So kann ich die Aufmerksamkeitsspanne für die "normalen" Fakten erhöhen. Grundsätzlich hilft bei der Infografik-Arbeit natürlich ein Verständnis für Zahlen, Statistik, Farblehre und Storytelling.

 

Können Sie vielleicht auch ein paar Tipps geben, wie man mit einfachen Mitteln gute Infografiken erstellen kann?

Die wichtigste Botschaft: Bitte nicht zu viele Aussagen in eine Grafik packen. Lieber mehrere einzelne Grafiken erstellen und dem Lesenden so helfen, die relevante Information zu erfassen. Finger weg von Tortendiagrammen oder Donut-Charts (hängt mit der Flächenwahrnehmung des menschlichen Hirns zusammen). Farbskalen bewusst wählen, nicht die Signalfarben rot, gelb und grün für Aussagen verwenden, die nicht zum erlernten Farbschema passen ("Alles ist gut" sollte nicht in Rot bebildert werden). Rot-Grün und andere harte Kontrastkombinationen vermeiden. Hier gibt es im Internet einige Websites, die einem helfen, passende Skalen zu finden. Absolute Zahlen, wenn möglich, in relative Zahlen umwandeln. Vorsicht bei Flächeneinfärbungen auf Karten. Große Flächen sind in der Wahrnehmung zwangsläufig "wichtiger" als kleine, so dass Karteneinfärbungen nur mit Bedacht funktionieren. Und vielleicht noch: Tools wie Datawrapper, Tableau und Co. machen meist subjektiv "schönere" Grafiken als Excel – der Mehraufwand lohnt sich. Und am besten wird es natürlich mit Expert*innen an der Seite.

Vielen Dank für die vielen anschaulichen Tipps.

Agentur Datenfreunde: www.datenfreunde.de