“Bildungsmonitoring ist ein Gewinn für die gesamte Bildungslandschaft”

Interview mit Michael Wilde und Katharina Baarhs, Bildungsbüro Leverkusen

Die Stadt Leverkusen ist seit 2016 im Programm „Bildung integriert“. Ende August 2021 läuft nun die letzte Förderphase aus. Und auch Michael Wilde, langjähriger Leiter des Bildungsbüros geht in den Ruhestand. Ein guter Zeitpunkt, um zurückzublicken, und in die Zukunft zu schauen. Denn ab September wird Katharina Baarhs als Nachfolgerin die zukünftigen Bildungslandschaften in Leverkusen mitgestalten.

Herr Wilde, Sie waren bereits beim allerersten Lerncluster (damals das Lerncluster Städte) der Transferagentur NRW vor 5 Jahren dabei. Seitdem hat sich die kommunale Bildungslandschaft weiterentwickelt und verändert. Wenn Sie zurückschauen, welche besondere Ereignisse und Erfolge fallen Ihnen da ein?

Es waren weniger konkrete Ereignisse, an denen ich Erfolge festmachen würde. Es war die positive Grundstimmung, die gegenüber dem Aufbau eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements vor Ort vorherrschte. Viele Bildungsträger und Institutionen hatten im Vorfeld selbst angeregt, dass Leverkusen sich im Bildungsbereich mehr vernetzen müsse und auch eine stärkere Datenbasierung benötige.  Entsprechend groß war dann auch die Bereitschaft, bei der Umsetzung von „Bildung integriert“ mitzuwirken und eigene Beiträge zu leisten.  Als Fazit würde ich aber in jedem Fall festhalten wollen, dass wir im Bildungsbereich deutlich besser vernetzt sind und Bildung insgesamt und damit auch das Bildungsbüro in der Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen werden als noch vor einigen Jahren.
 

Seit 2016 beteiligt sich die Stadt Leverkusen an dem Programm „Bildung integriert“. Wie hat das Programm dazu beigetragen, die Bildungslandschaft in Leverkusen weiterzuentwickeln?

Das Programm hat dazu beigetragen, dass es heute ein eigenes Bildungsportal auf der städtischen Website gibt.  

Schulabgangsbefragungen, Erhebungen zum Lernen auf Distanz während der Pandemie, jährliche Bildungsberichte, die vielbeachtet sind und vor allen Dingen die Verstetigung von Prozessen und Strukturen wären ohne die personellen Ressourcen aus dem Programm in ihrer Umsetzung nicht denkbar gewesen. Die Tatsache, dass nahezu alle Aufgaben, die mit „Bildung integriert“ und der Bildungskoordination für Neuzugewanderte“ dauerhaft verstetigt werden, unterstreicht dies aus meiner Sicht eindrucksvoll.
 

Welchen Mehrwert bietet ein kommunales Bildungsmonitoring für die Bildungsplanung aus Ihrer Sicht und was braucht es für eine nachhaltige Etablierung eines Bildungsmonitorings? 

Eigentlich ist es banal. Ein „Bauchgefühl“ mag Anhaltspunkte dafür bieten, dass etwas im Argen liegt. Wenn auf die Frage „Woran machen Sie den Missstand fest?“ ich nur mit „Dies sagt mir mein Gefühl“ oder „Das liegt auf der Hand“ antworten kann, komme ich damit in aller Regel nicht weit, um etwas zu ändern und zu verbessern. Eine entsprechende Datengrundlage oder einfach „Zahlen, Daten, Fakten“ sind da schon hilfreicher. Für eine nachhaltige Etablierung bedarf es natürlich entsprechender personeller Ressourcen. Ich bin sehr froh, dass unsere bisherige Arbeit offenbar so überzeugend war, dass uns hier eine Fortsetzung nach Ende der Förderphase gelingt. Und natürlich hat dies auch immer mit handelnden Personen zu tun, die mit ihrer Arbeit entsprechend überzeugt haben.
 

Welche Vorteile bringt das für wen in der Praxis?

Das Bildungsmonitoring ist ein Gewinn für die gesamte Bildungslandschaft, weil es die Argumentation für bestimmte Bedarfe erleichtern kann und zum Beispiel mit dazu beitragen kann, dass Hilfen zielgerichteter und passgenauer sein können.  Letztlich ist das was mit „Bildungsmanagement“ und Bildungsmonitoring“ geschaffen wurde und weiterhin geschaffen wird, kein Selbstzweck, sondern es können und sollen aus meiner Sicht auch wichtige Instrumente auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit sein.
 

Frau Baarhs, ab September übernehmen Sie die Leitung des Bildungsbüros von Herrn Wilde. Das Programm „Bildung integriert“ läuft ebenfalls im August aus. Das hört sich nach einer ereignisreichen Zeit für Sie an. Was wurde bereits in den letzten Monaten unternommen, um die aufgebauten Strukturen zu verstetigen? 

Die Zeit ist auf jeden Fall ereignisreich, denn die Verstetigung von Bildung integriert ist in den letzten Zügen und gleichzeitig bin ich natürlich schon viel in die Leitung im Bildungsbüro mit eingebunden. 

Wir haben sehr früh angefangen, die aufgebauten Strukturen zu verstetigen. Einige Aspekte wie die Übernahme der Netzwerkarbeit durch das Bildungsbüro waren schon früh klar. Zum Beispiel werden einige Mitglieder des Lenkungskreises Bildung integriert beratend in den Lenkungskreis des Kommunalen Bildungsbüros aufgenommen. Andere Bereiche wie Bildungsmonitoring und Bildungsberatung haben sich erst im Laufe des letzten Jahres durch fachbereichsinterne Absprachen ergeben. Das Bildungsmonitoring wird im September 2021 von drei Kolleginnen aus der Schulentwicklungsplanung übernommen. Letzten Sommer haben wir mit der Einarbeitung in das IT Instrumentarium komBI und die Erstellung des Bildungsberichts begonnen. Mittlerweile übernehmen die Kolleginnen bereits viele Aufgaben im Bildungsmonitoring. Und ich stehe den Kolleginnen nach Auslaufen des Projektes natürlich auch jederzeit beratend zur Seite. Das Themenfeld Bildungsberatung wird weiterhin im Bildungsbüro bearbeitet. Ende 2020 ist es uns gelungen, die Stelle der Bildungskoordination für Neuzugewanderte, zunächst überplanmäßig, zu verstetigen. Unsere Bildungskoordinatorin übernimmt seitdem nicht nur Aufgaben aus dem ehemaligen Förderprojekt, sondern auch andere Themen, wie zum Beispiel die Bildungsberatung.
 

Welchen Einfluss hat Corona in der Verstetigungsdebatte?

In den Gesprächen um die Verstetigung von Bildung integriert hat Corona keine große Rolle gespielt. Unabhängig von Corona ist das Bildungsmonitoring zu einem wichtigen Bestandteil der städtischen Bildungsarbeit geworden. Auch die datenbasierte Netzwerkarbeit ist nicht mehr wegzudenken. Eine Verstetigung der Strukturen und Produkte war daher gesetzt. Bei der Verstetigung des Förderprojekts „Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ hatte Corona dafür einen umso größeren Einfluss. Die Bedarfe an zusätzlichen, koordinierten Bildungsangeboten für diese Zielgruppe sind durch den Lockdown und die wiederholten Phasen des Distanzunterrichts sehr stark gestiegen. Eine Verstetigung der Stelle wurde so unabdingbar.
 

Welche Bildungsthemen stehen bei Ihnen momentan im Fokus und was sind Ihre nächsten Ziele bei der Gestaltung von Bildung in Leverkusen?

Im Moment stehen neben vielen kleineren Projekten drei große Bildungsthemen im Fokus: MINT-Förderung, Medien & Digitales und pandemiebedingte Fördermaßnahmen in den Ferien. Als Träger des zdi-Netzwerks (Zukunft durch Innovation) bieten wir Jugendlichen viele Möglichkeiten, sich in MINT-Berufen auszuprobieren – sowohl digital als auch in unserem Schülerlabor Probierwerkstatt. Zusätzlich haben wir gemeinsam mit dem Evangelischen Familien- und Erwachsenenbildungswerk einen Neustart mit dem Haus der kleinen Forscher gewagt und bieten praxisnahe Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten und Grundschulen an. Im Bereich Medien & Digitales steht in diesem Jahr ganz klar der Medienfachtag 2021 im Vordergrund. Am 17. September 2021 kommen ca. 300 Fachkräfte aus Leverkusen digital zusammen, um sich unter dem Motto „LEV lernt digital“ weiterzubilden und auszutauschen. Dazu laufen auch in diesem Jahr unsere regelmäßigen Quali-fizierungen Internet abc und Coding for tomorrow (in Zusammenarbeit mit der Vodafone Stiftung) sowie Angebote für die Leverkusener Medienscouts. Das dritte große Thema beschäftigt uns vor allem seit Ausbruch der Pandemie sehr. Wir nutzen alle Förderprogramme, um zusätzliche Ferienmaßnahmen für die Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. Dazu zählen vor allem „Fit in Deutsch“ und „Extra-Zeit zum Lernen“.  Schon im letzten Jahr hat sich gezeigt, dass der Bedarf an Sprachförderung unter neuzugewanderten Kindern und Jugendlichen enorm gestiegen ist. Daher haben wir mehr Fit in Deutsch Kurse angeboten als üblich. Neben der Sprachförderung, die in Leverkusen seit 2018 in den Ferien angeboten wird, werden wir unser Programm in diesem Jahr auch um Ferienangebote für Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf und um MINT-Feriencamps für Grundschülerinnen und -schüler erweitern.  

In Zukunft ist mir wichtig einen größeren Fokus auf Bildung für nachhaltige Entwicklung zu legen. Dabei soll es nicht darum gehen, ein neues Handlungsfeld aufzumachen, sondern eher darum, dass Thema in schon bestehende Projekte und Produkte mit einfließen zu lassen. Im nächsten Jahr ist zum Beispiel geplant, ein naturpädagogisches Projekt im Wald mit der Sprachförderung für Neuzugewanderte zu verbinden. Auch mit Blick auf die Mädchenförderung beleuchten wir noch einmal unsere Projekte, um ein noch passgenaueres Angebot machen zu können – vor allem im Bereich der MINT-Förderung und der Medienbildung. In diesem Jahr führt das Bildungsbüro zum Beispiel das Projekt Kultur trifft Digital der Stiftung Digitale Chancen als reines Mädchenprojekt durch und auch im Rahmen von zdi sind Angebote für Mädchen geplant. Bei der Gestaltung von Bildung ist mir zudem wichtig, die Bildungskette in den Blick zu nehmen. Im Moment arbeiten wir schon daran, neben Schulen mehr mit Kindertagesstätten, Jugendhäusern und Anbietern von Erwachsenenbildung zu kooperieren. Diese Arbeit möchte ich unbedingt fortführen und intensivieren.  
 

Woran können Sie merken, dass kommunales Bildungsmanagement Wirkung entfaltet?

Ich merke die Wirkung, zum einen in der Arbeit an konkreten Projekten und Förderanträgen. Durch die kommunale Vernetzung der Bildungsakteure entstehen schneller Kooperationen und Bildungsangebote können effizienter geplant und umgesetzt werden. Auch im Umgang mit den Herausforderungen der Pandemie haben sich viele Netzwerke bewährt. Das kommt allen Beteiligten und vor allem den Bürger*innen zugute. 

Darüber hinaus hat sich durch Bildung integriert auch die datenbasierte Arbeit stark weiterentwickelt. Der Bildungsbericht wird von Politik, Verwaltung und Bildungsakteuren als Diskussions- und Entscheidungsgrundlage genutzt. Auch der Schulsozialindex, der in Zusammenarbeit mit der städtischen Statistikstelle entstanden ist, wird für viele Entscheidungen herangezogen.
 

Wie stellen Sie sich die Bildungskommune von morgen vor?

In einer Bildungskommune hat Bildung einen besonders hohen Stellenwert bei Politik und Verwaltungsspitze. Dies spiegelt sich sowohl im Haushalt wider als auch in der reibungslosen Zusammenarbeit über Zuständigkeitsgrenzen hinweg. Bildungsakteure innerhalb und außerhalb der Verwaltung arbeiten Hand in Hand und haben dabei immer die Bedarfe und Herausforderungen der Bürger*innen im Blick. Bildung wird dabei breit gedacht und konzentriert sich nicht nur auf die formale Bildung. Nach und nach gelingt es mehr bei Bildungsfragen nicht nur die schulische Bildung im Blick zu haben, sondern sie wirklich im Sinne eines lebenslangen Lernens zu verstehen und das Handeln danach auszurichten. 

Vielen Dank für das Interview.