"Prozesse und Veränderungen, die Zeit brauchen, müssen jetzt begonnen werden"

Ein Interview mit Sabine Süß (Leiterin der Koordinierungsstelle Netzwerk Stiftungen und Bildung) über die Bedeutung von Bildung für zukunftsfähige Gesellschaften

Seit dem 1. Februar 2022 ist eine Antragstellung für die neue Förderrichtlinie des BMBF „Bildungskommunen“ möglich. U.a. mit thematischen Schwerpunkten wie etwa Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) oder Fachkräftesicherung kann den bildungspolitischen Herausforderungen vor Ort begegnet werden. Zudem erhält auch die Rolle der Zivilgesellschaft eine tragende Rolle durch die Förderrichtlinie. Sabine Süß, Leiterin der Koordinierungsstelle Netzwerk Stiftungen und Bildung, plädiert schon lange für die Kooperation von Kommune, Zivilgesellschaft und Akteuren der Landesebene. Im Interview spricht sie über drängende Herausforderungen der Bildungslandschaften, den Mehrwerten der Förderrichtlinie und der Notwendigkeit von Kooperationen.
 

Warum ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, unterstützende Programme für die Gestaltung von Bildung vor Ort zu nutzen?

Klimawandel, Pandemie, Krieg – die Krisen der Zeit und der Wandel der Welt zeigen einmal mehr, wie wesentlich ein kritisches Urteilsvermögen, solidarisches Handeln und Resilienz sind. Unsicherheiten oder Ängste dürfen uns nicht am Handeln hindern. Um das zu erlernen, braucht es eine Lernumgebung, die eine sichere, zukunftsorientierte Gegenwart, aber auch eine stabile Perspektive bietet. In den vergangenen Jahren haben wir bewiesen und werden damit auch ganz aktuell konfrontiert, dass diejenigen am besten durch kritische Zeiten kommen und der Gemeinschaft Stabilität bieten, die gut ausgebildet und vorbereitet sind und die auch in schwierigen, manchmal hoffnungstrüben Situationen den Mut nicht verlieren.

Prozesse und Veränderungen, die Zeit brauchen, müssen jetzt begonnen werden. Abwägen ist gut, Prioritäten setzen und vorausschauend Entscheidungen treffen, zentral. Die Gefährdung unserer natürlichen Ressourcen auf der Erde zeigen im Klimawandel, dass keine Zeit zu verlieren ist. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und muss jeden Tag geübt werden. Die physische und psychische Gesundheit zu erhalten ist eine Aufgabe, die jeder einzelne für sich und in Solidarität mit der Gemeinschaft anpackt.

Bei alldem ist Bildung, im Sinne lebenslangen Lernens, die Grundlage für eine tolerante, offene, inklusive Gesellschaft, für eine demokratische gemeinwohlorientierte Gemeinschaft mündiger Bürgerinnen und Bürger. Dafür müssen wir alles tun, und zwar dort, wo wir zu Hause sind. Der Lebensraum des Menschen ist seine Nachbarschaft, sein Quartier, seine Region, dort lernt er die Wirksamkeit selbstbestimmten Handelns, von Solidarität, von Mitgefühl und Selbstwirksamkeit. Vor Ort in der Kommune erlernt man das, was unsere Gesellschaft prägt, deshalb ist jede Unterstützung durch Programme und Maßnahmen für die Gestaltung von Bildung vor Ort genau richtig und sollte unbedingt genutzt werden.
 

Welchen Mehrwert bietet aus Ihrer Sicht die Beteiligung am Programm „Bildungskommunen“?

Die Kommune ist der maßgebliche Lern- und Lebensraum, in dem für die persönliche und gemeinschaftliche Zukunft die Weichen gestellt werden. Deshalb ist es abgeleitet von der Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement und seinem Programm „Bildung integriert“ zwangsläufig die richtige Maßnahme, entlang wesentlicher gesellschaftlicher Aufgaben ein Zukunftsprogramm zu entwickeln, das sich auf die Lösungskompetenz vor Ort in der Kommune konzentriert.

Bildung ist mehr als Schule. Bildung ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die sich kontinuierlich den notwendigen Entwicklungsschritten der Gesellschaft anpasst. Die sechs Handlungsfelder im Programm „Bildungskommunen“ entsprechen den großen Aufgaben unserer Zeit, die global wie lokal aufgegriffen und gelöst werden müssen. Bildung für Nachhaltige Entwicklung zeigt, wie man vor allem in Übernahme der Selbstverantwortung im kommunalen Raum gemeinsam Grundlagen für eine nachhaltigkeitsorientierte Gemeinschaft entwickelt. Inklusion und Integration helfen, Mechanismen für ein gedeihliches Miteinander zu etablieren, in dem jeder seine Chance zur gestaltenden Teilhabe erhält und damit den sozialen Zusammenhalt stärkt. Demokratieförderung und politische Bildung sichern die Stabilität unserer Gesellschaft, gegen Angriffe von innen wie von außen. Kulturelle Bildung fördert unsere Sinne, Werte und Kreativität und prägt die Wahrnehmungs- und Ausdrucksvielfalt jedes Menschen. Nicht zuletzt stärken die vorherigen Handlungsfelder die Fachkräftesicherung in einer sich wandelnden Welt.
 

Welchen Blickwinkel müssen kommunale Akteure einnehmen, wenn es um die Gestaltung der Bildungskommune von morgen geht?

Das Handeln für die Zukunft muss jetzt beginnen. Die Effekte des globalen Wandels lassen sich zumindest auf der kommunalen Ebene so auflösen, dass gesellschaftliche Handlungsfelder und Aufgaben zu bewältigen sind. Gute Beispiele zeigen, dass dies dann besonders gut gelingt, wenn man zusammenrückt und die jeweiligen individuellen Stärken und Möglichkeiten bestmöglich genutzt werden. Statt Abgrenzung und Verweis auf Zuständigkeiten, ist ein verknüpfendes Denken und Handeln angesagt. Jeder kennt das Erschrecken vor der Größe der Aufgabe. Verteilt auf die Schultern vieler verliert der Schrecken seine lähmende Kraft. Zukunftsorientierte Lebenskompetenzen durch Bildung zu ermöglichen, setzt ein breites Angebotsspektrum voraus, das nicht allein durch staatliche Lernorte geboten wird. Wenn wir verstehen, dass das Zusammenspiel aller Lernräume und Lerndimensionen und Akteure erst die notwendige Kraft freisetzt, allen Menschen Chancen zu öffnen und Gestaltungsteilhabe zu ermöglichen, dann wird die Bildungskommune von morgen der Schlüssel für eine resiliente, zukunftsfähige Gesellschaft sein.
 

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