„Die Arbeit der nordrhein-westfälischen Transferagentur trägt Früchte“

22.01.2018

Im Gespräch mit Bettina Schwertfeger (Referatsleiterin Bildung in Regionen/Bildung für nachhaltige Entwicklung im Bundesministerium für Bildung und Forschung)

Frau Schwertfeger, Sie leiten im Bundesministerium für Bildung und Forschung das Referat „Bildung in Regionen“ und verantworten unter anderem die Transferinitiative kommunales Bildungsmanagement. Wie kam es zu dieser Initiative und welche Ziele verfolgt Ihr Haus damit?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung beschäftigt sich seit vielen Jahren mit kommunalen Bildungsmanagement. Wichtige Erfahrungen konnten wir vor allem aus unseren Förderprogrammen „Lernende Regionen“ (2001 bis 2008) und „Lernen vor Ort“ (2009 bis 2014) gewinnen.

Zunächst haben wir lokale Bündnisse gefördert. Eine Erkenntnis bei den „Lernenden Regionen“ war, dass es oft an der Nachhaltigkeit vor Ort fehlte und die kommunalen Akteure nicht intensiv genug eingebunden waren. Daher haben wir in „Lernen vor Ort“ einzelne Pilotkommunen intensiv gefördert und dort die Entwicklung verschiedener Modelle eines modernen Bildungsmanagements erprobt. Die teilnehmenden Kommunen waren vorrangig Städte, die sich beworben hatten. Mit der Transferinitiative gehen wir nun einen Schritt weiter.

Denn wir wollen das Wissen, die vielen Erfolgsbeispiele, nicht nur dokumentieren, sondern auch in die Breite tragen. Und das ist die Aufgabe der neun Transferagenturen: Sie heben den Wissensschatz aus „Lernen vor Ort“ und weiteren Programmen und Initiativen und bieten maßgeschneiderte Lösungen für Landkreise und Städte. Dass dabei auch neue Modelle des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements entstehen, liegt auf der Hand und zeichnet unsere Transferinitiative aus.

 

Die Transferagentur NRW in der Trägerschaft des ISA startete als erste von neun Agenturen im Februar 2014 mit ihrer Arbeit. Inzwischen sind fast vier Jahre vergangen. Welches sind aus ihrer Sicht die wichtigsten Erfolge dieser Arbeit in NRW und im gesamten Bundesgebiet? Welche Entwicklungen konnten in dieser ersten Förderphase angestoßen werden?

Die TA ist in NRW, soweit wir das einschätzen können, gut etabliert und erreicht mit ihren offenen Angeboten einen Großteil der Kommunen im Land. Besonders positiv finde ich, wie erfolgreich sie auch die LvO-Kommunen in die Arbeit einbindet: Dazu hat die TA NRW von Beginn an Lerncluster geschaffen, in denen LvO-Kommunen und weitere Städte und Kreise in den Austausch treten. So können alle Transferkommunen in NRW profitieren.

Uns liegt besonders am Herzen, in allen Ländern die vorhandenen Strukturen und Programme intensiv einzubinden. Daher begrüßen wir, dass die Transferagentur NRW begleitet wird von einer hochrangig besetzten strategischen Steuerungsgruppe mit Mitgliedern der drei kommunalen Spitzenverbände, dem Ministerium für Schule und Bildung, dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, dem Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, der Staatskanzlei NRW sowie dem Netzwerk Stiftung und Bildung.

Die Arbeit der nordrhein-westfälischen Transferagentur trägt Früchte:
Sie hat mit 21 Kommunen Zielvereinbarungen geschlossen und plant für die zweite Förderphase noch mindestens acht weitere. Zusammen mit den Kommunen, die mit der Transferagentur für Großstädte Zielvereinbarungen abgeschlossen haben und den ehemaligen LvO-Kommunen wären damit rund 80 Prozent der Kommunen in NRW erreicht.

47 NRW-Kommunen nehmen an der Förderrichtlinie „Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ teil. Darüber werden in NRW vom BMBF insgesamt 90 kommunale Koordinatorinnen und Koordinatoren gefördert. Diese unterstützt die Transferagentur vor Ort. Der erfolgreiche Workshop „Bildungskoordination für Neuzugewanderte – Handlungsfelder und Herausforderungen“ am 21.06.2017 in Gelsenkirchen ist ein gutes Beispiel für diese kompetente Unterstützung.

Bundesweit erreicht die Transferinitiative mit dem Inhalt – datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement – mittlerweile mehr als 220 Städte und Landkreise. Denn so groß ist aktuell die Zahl der Kommunen, die eine Zielvereinbarung mit einer Transferagentur geschlossen haben. Hinzu kommen 321 Städte und Landkreise, die wir über das Programm „Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ in die Transferinitiative einbinden. Und durch die Öffnung unserer Förderrichtlinien, wie beispielsweise „Bildung integriert“ kommen jede Woche neue hinzu.

 

Das ISA hat sich bisher schwerpunktmäßig mit Themen der Jugendhilfe beschäftigt. Von wachsender Bedeutung ist für uns das Zusammenwirken von Jugendhilfe und Schule. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die Jugendhilfe im Kontext von Bildung?

Die Angebote der Jugendhilfe sind vielfältig und vielschichtig. Sie bieten oftmals Lösungen in konkreten Problemlagen, im Mittelpunkt steht dabei immer das Kindeswohl. Bildung kann dabei auch in der Jugendhilfe einen Beitrag leisten, ist aber in der Regel nicht das einzige Instrument.

Ob und wie Schule und Jugendhilfe zusammenwirken und ineinandergreifen – das hängt von den Gegebenheiten vor Ort ab. Dieses Zusammenwirken bietet häufig einen Einstieg, in der Kommune ressortübergreifend zusammen zu arbeiten. Hieran kann die Transferagentur anknüpfen, um gemeinsam mit dem Kreis oder der Stadt Schritt für Schritt ein datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement aufzubauen. Wichtig aus Sicht der Transferinitiative ist zu vermitteln: Wir nehmen die gesamte Bildungskette in den Blick.

Es liegt auf der Hand, dass niemand diese Kette komplett auf einmal angeht und es schafft, für alle Bereiche ein übergreifendes und auf Daten basierendes Management zu etablieren. Das braucht Zeit. Gleichzeitig können auch weitere Zugänge zu einem ressortübergreifenden Arbeiten führen, beispielsweise das Thema Integration von Migrantinnen und Migranten.

 

Ihr Haus hat den Agenturen inzwischen eine Förderzusage für weitere drei, unter bestimmten Voraussetzungen sogar für fünf Jahre gegeben. Damit wird deutlich, dass das Vorhaben langfristig angelegt ist. Was soll in den kommenden Jahren durch die Transferagenturen erreicht werden?

Dazu fallen mir spontan drei Anliegen ein. Zum einen sehen wir, dass sich alle Transferagenturen etabliert und die Akquisephase, wenn ich das salopp so formulieren darf, abgeschlossen ist. Aber was steht im Kern der Zusammenarbeit Transferagentur – Kommune?

Momentan arbeiten Kommune und Transferagentur oft anlassbezogen oder zu einem klar abgrenzbaren inhaltlichen Anliegen, einer speziellen, fachlichen Ebene zusammen. Eines unserer Ziele ist es, der Kooperation nicht nur in einzelnen Themenbereichen, sondern für eine übergreifende Zusammenarbeit den Weg zu ebnen, damit die Transferagenturen nicht nur zu einzelnen Fragen und Themen, sondern auch bei übergreifenden Zielsetzungen und Strategiefindungsprozessen unterstützen können.

Ein weiteres Anliegen ist, in der zweiten Förderphase das Bildungsmonitoring stärker in den Fokus zu rücken. Datenbasiertes Arbeiten sollte dabei zu einem selbstverständlichen Standard werden. Dabei geht es auch um die Frage, wie Bildungsmanagement und Bildungsmonitoring vor Ort verzahnt wirken und die Kommunen weiterbringen können.

Als Drittes würde ich gern den Blick ins Jahr 2023 richten. In einer idealen Welt wäre in allen teilnehmenden Kommunen der Gedanke eines ämter- und akteursübergreifenden Bildungsmanagements verinnerlicht und ein Bildungsmonitoring aufgebaut. Dann wäre es an der Zeit, dass sich die Transferagenturen aus der kommunal-individual beratenden Rolle zurückziehen. Sie liefern dann einen Rahmen, steuern und geben Impulse in ein eng verbundenes Netzwerk der teilnehmenden Kommunen.

 

Die Aufgabe der Transferagenturen ist die Unterstützung und Begleitung von Kreisen und kreisfreien Städten bei der Entwicklung eines „datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements“. Das Vorhaben zielt also explizit auf die kommunale Ebene. Warum sehen Sie die Kommune als zentralen Akteur wenn es darum geht, Bildung in Deutschland zukunftsfähig zu machen?

Wir gehen von einem breiten Bildungsverständnis aus und sehen Bildung als lebenslangen Prozess, der den Menschen mit seinen individuellen Bildungsbedarfen und Bildungsinteressen in den Mittelpunkt stellt. Dazu zählt formale wie informelle und non-formale Bildung.

Warum wir Kommunen fördern und unterstützen, hat zwei Gründe. Zum einen ist in den Landkreisen und Städten in den vergangenen gut 15 Jahren die Überzeugung gewachsen, dass Bildung eine Rolle spielt – als Standortfaktor und vieles mehr. Und zum anderen findet Bildung immer vor Ort statt, dort, wo die Menschen leben, lernen, wohnen und arbeiten. Uns geht es darum, die gesamte Bildungskette in den Blick zu nehmen, koordiniert zusammenzuarbeiten, alle Kräfte vor Ort zu bündeln und sich an den empirisch ermittelten Bedarfen der Bürgerinnen und Bürger vor Ort zu orientieren, um die bestmöglichen Zugänge zu Bildungsangeboten schaffen zu können.

 

Was bedeutet das für die Kommunen, wenn sie sich auf diesen Weg machen? Wo sollten sie anpacken und wo bekommen sie Unterstützung aus der Transferinitiative?

Zunächst einmal bedeutet das: Sie sind nicht allein. Wir haben uns zu einer bundesweiten Initiative entwickelt, der sich über 80 Prozent aller Kreise und kreisfreien Städte angeschlossen haben. Das bedeutet weiterhin: Wir haben das notwendige Fachwissen gesammelt und die erforderlichen Strukturen – ein bundesweites Unterstützungsnetzwerk durch die Transferagenturen sowie eine Vielzahl flankierender Konferenzen und Qualifizierungsveranstaltungen durch das BMBF – aufgebaut, um bei fachlichen Fragestellungen zu unterstützen und bei strategischen Entscheidungen zu beraten.

Ansprechpartner sind allen voran die regional agierenden Transferagenturen. Sie sind Dienstleister und Kompetenzzentrum. Hinzu kommt, dass die Transferagenturen untereinander ein enges Netzwerk gebildet haben, in dem sie sich austauschen und Lösungsansätze für bekannte Probleme aus ganz Deutschland erörtern. Und von diesem bundesweiten Wissens- und Erfahrungsschatz profitieren die Kommunen.

Wenn eine Kommune dann ein datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement aufbauen möchte, wird die Transferagentur fragen, ob schon Vorwissen bzw. ämterübergeifende Strukturen und Arbeitskreise bestehen, ob es ein Bildungsbüro oder andere zentrale Ansprechpartner gibt und wie die Steuerungsebene der Kommune eingebunden ist. Die Transferagentur kann, wenn sie eine Kommune begleitet, als externer Partner die Vogelperspektive einnehmen. Dadurch kann sie auf erprobten Erfahrungen basierte Vorschläge unterbreiten, beispielsweise dazu, welche Akteure vor Ort eingebunden werden können. Denn Bildung ist Gemeinschaftswerk – erst recht, wenn wir das lebenslange Lernen meinen.

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